Thomas Barth nutzt Auszeit für Entschleunigung / Tagebuch zur Reflektion

Er hat es tatsächlich geschafft. Thomas Barth verbrachte zehn Tage lang ohne Strom, Computer, Handy, Auto und das wohl Herausfordernste: Ohne Heizung. „Aber alles lief gut“, sagt der 43- Jährige. „Es war angenehm, von allem einmal Abstand zu nehmen. Doch es wurde zunehmend kälter, das war schon grenzwertig. Die Außentemperatur betrug an einem Morgen minus zwölf Grad, und in meiner Wohnung waren es nur noch zwei Grad plus. Da war die Grenze erreicht. Zum Glück wurde es dann wärmer“. Thomas Barth hatte schon befürchtet, aufgrund der Temperaturen sein Vorhaben abbrechen zu müssen. Doch dem war nicht so. Er hielt durch. Mit einem Lammfell und drei Decken hielt sich der Treptitzer in den Nächten warm. Den Morgen begann er jeden Tag mit Yoga an der frischen Luft – mit dicken Handschuhen, warmem Bademantel und Socken. Damit aktivierte er seine Lebensgeister. Pünktlich zum Sonnenaufgang begann er mit dem sogenannten „Sonnengruß“. Dieses Ritual hat er auch nach den zehn Tagen weiterhin beibehalten.

Für die Ernährung hat er sich eine große Kiste Obst und Gemüse gekauft. Viel zu viel, wie er später feststellen sollte. „Die vegane Ernährung und der Verzicht auf Nahrungsmittel wie Fleisch, Brot und Kaffee hat mich nicht gestört. Mir geht es richtig gut. Sogar ein paar kleine gesundheitliche Zipperlein haben sich in Luft aufgelöst.“ Zwei Mahlzeiten pro Tag ließ er sich schmecken. So gab es zur Mittagszeit Haferflocken – leider mit kaltem Wasser – und Obst und am Abend einen Salat. „Ich hatte nie ein Hungergefühl. Aber etwas habe ich mir doch gegönnt: Jeden Nachmittag gab es ein Stück Schokolade. Eine kleine Sünde musste einfach sein.“

Viel Zeit verbrachte er damit, Tagebuch zu schreiben. Jedoch nicht, um dies zu veröffentlichen. Viel mehr fasziniert ihn der Gedanke, dass dieses Buch irgendwann in 100 Jahren mal gefunden wird. In seinem früheren Beruf als Historiker war er immer begeistert, wenn ihm solche Aufzeichnungen von vergangenen Jahren in die Hände fielen. 120 Seiten hat er geschrieben, für das Reflektieren über die eigene Situation. „Nach meiner Nachricht, dass ich mich zehn Tage lang ausklinken wollte, habe ich etliche Briefe bekommen. Sie zu beantworten, hat mir große Freude bereitet.Man nimmt sich viel mehr Zeit und überdenkt das, was man schreiben möchte, stärker. Das entschleunigt enorm“, so Thomas Barth.

Am Nachmittag ging er meist spazieren oder traf er sich mit seiner Familie, die mit ihm zusammen auf dem selben Grundstück lebt. Auch hier war einiges zu tun. Die Gartenarbeit rief. So pflanzte er als erstes Beerensträucher. Eine Aufräum- und Ausmistaktion nahm ebenfalls einige Zeit in Anspruch. Seit Jahren lagerten die alten Umzugskisten in der Scheune. Etwa zwanzig Kisten Papierkram aus früheren Zeiten wanderten ins Altpapier. In der Wohnung wurden Bücher und CDs aussortiert. Was ihm nicht gelang, war der Großputz. Denn mit eiskaltem Wasser in der ausgekühlten Wohnung war diese Arbeit undenkbar.

„Was mir in den zehn Tagen am meisten gefehlt hat, war die Wärme. Oft habe ich mir warmes Wasser gewünscht, sodass es nur bei der Katzenwäsche oder einer kurzen Dusche blieb. In diesem Sinne bin ich froh, dass mein Experiment vorbei ist. Aber ich bin auf jeden Fall sehr erholt aus dieser Auszeit heraus gegangen. Schließlich blieb mir aufgrund der fehlenden Elektrizität nichts anderes übrig, als ins Bett zu gehen, sobald es dunkel wurde. Das war immer so gegen halb acht.“

Pläne für die Zukunft konnte er ebenfalls schmieden. Schließlich ist er aufgrund der aktuellen Corona-Krise arbeitsmäßig stark eingeschränkt. Die Selbstständigkeit möchte er nicht aufgeben, sich aber von Tagesaufträgen unabhängiger machen. „Ich denke, dass diese Auszeit für mich wichtig war, um wertzuschätzen, was ich eigentlich habe. Ich bin gesund und habe einen erfüllenden Beruf. Ich lebe in einer komfortablen Umgebung mit einer lieben Familie, um mich herum. Unser ländliches Grundstück bietet viele Möglichkeiten. Durch die Pilgerei habe ich immer mal längere Pausen. So etwas ist sehr heilsam. Es ist eine Zeit der Unverfügbarkeit. Solche Zeiten werde ich mir auch weiterhin gönnen, weil sie mir gut tun. Ich freue mich wieder sehr auf die normale Arbeit, aber ich werde sobald es geht auch wieder auf eine längere Wanderschaft gehen. Denn Auszeiten sind einfach wichtig.“

BU: Thomas Barth nahm sich eine Auszeit ohne Strom von zehn Tagen und schrieb Tagebuch.

Oschatzer Allgemeine Zeitung vom 14.04.2020
Text und Foto: Kristin Engel