Thomas Barth wagte inmitten der Corona-Krise eine radikale Auszeit und begreift sie als Chance

Die Nachrichten, die Anfang März aus Asien über das neue Coronavirus zu mir drangen, berührten mich zunächst wenig. China? Weit weg. Die Fallzahlen in Deutschland? Sehr niedrig. Doch am 11. März kam ein Weckruf. Der Vortrag einer befreundeten Kollegin wurde plötzlich abgesagt. Mir schwante, dass eine diffuse Bedrohung auf mich zukam, da das öffentliche Leben bald still stehen würde. So entschloss ich mich zu einem Experiment: Zehn Tage wollte ich mit so wenig wie möglich auskommen, Computer und Handy ausschalten, kein Auto benutzen, Kaffee und Alkohol weglassen, mich vegan ernähren und auf Elektrizität verzichten. Ich kaufte zwei Kisten Obst und Gemüse als Verpflegung und zog den Stecker.

Was als Herausforderung begann, brachte mir durch den Verzicht auf die modernen Kommunikationsmittel zunächst ein umfassendes Gefühl der Erholung. Keine E-Mails mehr, kein Surren des Smartphones, kein Zwang zu schneller Reaktion – wann hatte ich das zuletzt erlebt? Vielleicht auf einer meiner Pilgerreisen, die mich in fünf Jahren nach Spanien geführt hatten. Die Abstinenz von elektronischen Geräten verdeutlichte mir, wie abhängig ich beruflich davon bin, und wieviel Ablenkung im privaten Bereich darin liegt. Ich stellte auf analoge Kommunikation um, und das hieß konkret: Briefe und Postkarten schreiben. Dazu reaktivierte ich eine weitere alte Leidenschaft: Ich begann ein Tagebuch, in dem ich meine Gedanken festhielt. Die Tiefgründigkeit des langsamen Schreibens mit der Hand begriff ich dadurch ganz neu.

Nun trat wieder Stille in mein Leben, und sie ließ mich die natürlichen Prozesse um mich herum deutlicher wahrnehmen. Zum Beispiel hörte ich, dass ganz in meiner Nähe jeden Morgen um die gleiche Zeit zwei Kraniche den Tag mit ihrem majestätischen Trompeten begrüßten. Mein Tagesablauf entzerrte sich kolossal. Da ich künstliches Licht vermied, war ich auf Tageslicht angewiesen. Anfangs führte das dazu, dass ich am Abend Alltagsgegenstände nicht mehr fand, wenn ich sie nicht vorher an einem bestimmten Ort abgelegt hatte. Ich musste bedächtiger mit den Dingen umgehen. Mein Tagesrhythmus orientierte sich ganz am natürlichen Licht: Um sechs Uhr Aufstehen, danach eine Dreiviertelstunde Yoga im Freien, dann Tagebuch schreiben, zehn Uhr Frühstück und anschließend handschriftliche Korrespondenz – bis nachmittags zwei Uhr herrschte eine schöne Gleichförmigkeit. Da ich nur noch zwei Mahlzeiten zu mir nahm, die vorwiegend aus selbst zubereiteter Rohkost bestanden, fielen Mittagessen und das anschließende Mittagstief aus. Ich fühlte mich gesünder und leistungsfähiger. Das kam vor allem Haus und Garten zugute. So waren nachmittags praktische Tätigkeiten angesagt: Ich pflanzte Sträucher, strich den Balkon, entrümpelte die Wohnung und erledigte Reparaturen, die lange liegengeblieben waren. Für das Anlegen eines Gartens war nun Zeit, die ich mir vorher nicht genommen hatte. Abends um halb acht lag ich im Bett und schlief jede Nacht mehr als zehn Stunden. Auch ohne berufliche Tätigkeit hatte ich das Gefühl, einen erfüllten Tag hinter mir zu haben.

Mir war es in dieser Zeit wichtig, mich von den Medien vollkommen abzukoppeln. Einen Fernseher besitze ich ohnehin nicht, und vom Radio hielt ich mich fern. Die wichtigsten Neuigkeiten erfuhr ich von meiner Familie oder von Nachbarn auf der Dorfstraße.

Den so gewonnenen Freiraum nutzte ich für das Analysieren meiner Lage, die zunächst nicht sehr rosig schien: Alle meine Aufträge, seien es Fotoarbeiten, Vorträge oder geführte Pilgertouren, hängen an einer funktionierenden Öffentlichkeit. Sie fielen nun für unbestimmte Zeit weg, und mein geschäftlicher Umsatz brach nahezu vollständig ein. Aber diese unfreiwillige Pause offenbarte auch schnell eine positive Seite: Ich konnte alle meine Arbeitsfelder in Ruhe betrachten und herausfinden, was mir wirklich wichtig ist. Mir wurde klar, dass mein Selbstwertgefühl nicht zu hundert Prozent an meiner Arbeit hängt. Stattdessen entdeckte ich alte Potenziale neu, wie zum Beispiel die Freude an der kreativen Gestaltung meines Gartens.

Auch der Kontakt zu meiner Familie intensivierte sich. Ich lebe als Single auf einem Dreiseithof zusammen mit meinen Geschwistern, ihren Familien und einigen Tieren. Das bringt genügend Abwechslung. Freunde und Kunden, die spontan finanzielle Hilfe anboten, vermittelten Sicherheit, und für all dies war ich sehr dankbar. Ich lernte wieder die Dinge und Fähigkeiten zu schätzen, die ich habe und bin nicht mehr unzufrieden über das, was ich sein oder haben könnte.

Nebenbei fiel mir auf, dass auch ich nicht frei vom Konsumdenken unserer Gesellschaft bin. Zwei Wochen vor Beginn der öffentlichen Beschränkungen, die mein Geschäft zum Erliegen brachten, kaufte ich eine neue Kamera. Kurz darauf bereute ich diese Investition, weil ich merkte, dass ich mir eigentlich nur ein neues »Spielzeug« angeschafft hatte, das ich nicht unbedingt brauchte. Beim Nachdenken über Geld und Besitz stellte ich fest, dass ich trotz der drohenden finanziellen Misere alles habe, was ich zum Leben brauche: Gesundheit, ein Dach über dem Kopf, eine liebe Familie, einen erfüllenden Beruf und genug zu essen.

Als ich Ende März Internet und Telefon wieder einschaltete, fiel mir als erstes auf, wie stark medial erzeugte Ängste unsere Gesellschaft prägen, obwohl es uns relativ gut geht. Mir hat in diesen zehn Tagen eigentlich nur eines gefehlt: schlicht und einfach die Wärme. Da ich keinen Strom hatte, führte das kalte Duschwasser zu 99 Prozent Wasserersparnis. Meine Wohnung kühlte bis auf zwei Grad Celsius aus, und doch fühlte sie sich warm an, wenn ich vom morgendlichen Yoga bei zwölf Grad minus wieder hineinkam. Oft hängt die Bewertung einer Situation nur an der Perspektive, und der Verzicht ist eine Chance. Durch das Fehlen der körperlichen Wärme ist mir bewusst geworden, dass wir vor allem gesellschaftliche Wärme brauchen. Daran werde ich künftig stärker arbeiten, statt meinen Arbeitstag immer weiter auszudehnen. Vier Stunden Arbeit pro Tag, vier Stunden Draußensein in der Natur – dann bleibt immer noch genügend Zeit für tägliche Verrichtungen und gesellschaftliches Engagement.

Aber das funktioniert nur, wenn man auf materiellen Konsum verzichtet. Weniger ist manchmal mehr, und wir sollten lernen, natürliche Grenzen, wie sie uns die Corona-Pandemie aufzeigt, stärker zu berücksichtigen.

Der Autor ist seit 2007 neben seiner Tätigkeit als Fotograf und Vortragsveranstalter freier Mitarbeiter des SONNTAG.

Der SONNTAG vom 26.04.2020
BU: Rückzug: Thomas Barth während seiner zehntägigen Auszeit, in der er u.a. auf Elektronik, Fleisch und Heizung verzichtete.
BU: Zeit für Wesentliches: Thomas Barth entrümpelt, macht Yoga und taucht in die Natur ein.
Text und Fotos: Thomas Barth

 

Thomas Barth nutzt Auszeit für Entschleunigung / Tagebuch zur Reflektion

Er hat es tatsächlich geschafft. Thomas Barth verbrachte zehn Tage lang ohne Strom, Computer, Handy, Auto und das wohl Herausfordernste: Ohne Heizung. „Aber alles lief gut“, sagt der 43- Jährige. „Es war angenehm, von allem einmal Abstand zu nehmen. Doch es wurde zunehmend kälter, das war schon grenzwertig. Die Außentemperatur betrug an einem Morgen minus zwölf Grad, und in meiner Wohnung waren es nur noch zwei Grad plus. Da war die Grenze erreicht. Zum Glück wurde es dann wärmer“. Thomas Barth hatte schon befürchtet, aufgrund der Temperaturen sein Vorhaben abbrechen zu müssen. Doch dem war nicht so. Er hielt durch. Mit einem Lammfell und drei Decken hielt sich der Treptitzer in den Nächten warm. Den Morgen begann er jeden Tag mit Yoga an der frischen Luft – mit dicken Handschuhen, warmem Bademantel und Socken. Damit aktivierte er seine Lebensgeister. Pünktlich zum Sonnenaufgang begann er mit dem sogenannten „Sonnengruß“. Dieses Ritual hat er auch nach den zehn Tagen weiterhin beibehalten.

Für die Ernährung hat er sich eine große Kiste Obst und Gemüse gekauft. Viel zu viel, wie er später feststellen sollte. „Die vegane Ernährung und der Verzicht auf Nahrungsmittel wie Fleisch, Brot und Kaffee hat mich nicht gestört. Mir geht es richtig gut. Sogar ein paar kleine gesundheitliche Zipperlein haben sich in Luft aufgelöst.“ Zwei Mahlzeiten pro Tag ließ er sich schmecken. So gab es zur Mittagszeit Haferflocken – leider mit kaltem Wasser – und Obst und am Abend einen Salat. „Ich hatte nie ein Hungergefühl. Aber etwas habe ich mir doch gegönnt: Jeden Nachmittag gab es ein Stück Schokolade. Eine kleine Sünde musste einfach sein.“

Viel Zeit verbrachte er damit, Tagebuch zu schreiben. Jedoch nicht, um dies zu veröffentlichen. Viel mehr fasziniert ihn der Gedanke, dass dieses Buch irgendwann in 100 Jahren mal gefunden wird. In seinem früheren Beruf als Historiker war er immer begeistert, wenn ihm solche Aufzeichnungen von vergangenen Jahren in die Hände fielen. 120 Seiten hat er geschrieben, für das Reflektieren über die eigene Situation. „Nach meiner Nachricht, dass ich mich zehn Tage lang ausklinken wollte, habe ich etliche Briefe bekommen. Sie zu beantworten, hat mir große Freude bereitet.Man nimmt sich viel mehr Zeit und überdenkt das, was man schreiben möchte, stärker. Das entschleunigt enorm“, so Thomas Barth.

Am Nachmittag ging er meist spazieren oder traf er sich mit seiner Familie, die mit ihm zusammen auf dem selben Grundstück lebt. Auch hier war einiges zu tun. Die Gartenarbeit rief. So pflanzte er als erstes Beerensträucher. Eine Aufräum- und Ausmistaktion nahm ebenfalls einige Zeit in Anspruch. Seit Jahren lagerten die alten Umzugskisten in der Scheune. Etwa zwanzig Kisten Papierkram aus früheren Zeiten wanderten ins Altpapier. In der Wohnung wurden Bücher und CDs aussortiert. Was ihm nicht gelang, war der Großputz. Denn mit eiskaltem Wasser in der ausgekühlten Wohnung war diese Arbeit undenkbar.

„Was mir in den zehn Tagen am meisten gefehlt hat, war die Wärme. Oft habe ich mir warmes Wasser gewünscht, sodass es nur bei der Katzenwäsche oder einer kurzen Dusche blieb. In diesem Sinne bin ich froh, dass mein Experiment vorbei ist. Aber ich bin auf jeden Fall sehr erholt aus dieser Auszeit heraus gegangen. Schließlich blieb mir aufgrund der fehlenden Elektrizität nichts anderes übrig, als ins Bett zu gehen, sobald es dunkel wurde. Das war immer so gegen halb acht.“

Pläne für die Zukunft konnte er ebenfalls schmieden. Schließlich ist er aufgrund der aktuellen Corona-Krise arbeitsmäßig stark eingeschränkt. Die Selbstständigkeit möchte er nicht aufgeben, sich aber von Tagesaufträgen unabhängiger machen. „Ich denke, dass diese Auszeit für mich wichtig war, um wertzuschätzen, was ich eigentlich habe. Ich bin gesund und habe einen erfüllenden Beruf. Ich lebe in einer komfortablen Umgebung mit einer lieben Familie, um mich herum. Unser ländliches Grundstück bietet viele Möglichkeiten. Durch die Pilgerei habe ich immer mal längere Pausen. So etwas ist sehr heilsam. Es ist eine Zeit der Unverfügbarkeit. Solche Zeiten werde ich mir auch weiterhin gönnen, weil sie mir gut tun. Ich freue mich wieder sehr auf die normale Arbeit, aber ich werde sobald es geht auch wieder auf eine längere Wanderschaft gehen. Denn Auszeiten sind einfach wichtig.“

BU: Thomas Barth nahm sich eine Auszeit ohne Strom von zehn Tagen und schrieb Tagebuch.

Oschatzer Allgemeine Zeitung vom 14.04.2020
Text und Foto: Kristin Engel