Weltenbummler reist ins innere Ich

Die Corona-Krise als Chance für ein zufriedeneres Leben? Der Sachse Thomas Barth (43) aus dem kleinen Örtchen Treptitz zwischen Riesa und Torgau trennte sich mit Beginn der Kontaktsperren noch von vielem mehr, als die Verordnungen es vorschrieben. Seine Quintessenz nach einer Woche selbst auferlegtem Verzicht: „Man braucht weniger, als man denkt.“

Der Startschuss für das Entbehrungsexperiment fiel mit einem letzten Obst- und Gemüseeinkauf am Mittwoch letzter Woche. „Um Punkt 12 Uhr habe ich dann alle Stecker gezogen, Handy und Computer blieben tot“, erzählt der studierte Historiker, praktizierende Fotograf und weit gereiste Event-Manager.

Na gut, in Barths DNA steckt der Hang zu Auszeiten. „Ich bin schon fünfmal für mehrere Wochen gepilgert, war insgesamt 3 600 Kilometer zu Fuß unterwegs.“ Aber diesmal hat seine Enthaltsamkeit Ausmaße wie bei einem Eremiten. So extrem war sein Verzicht noch nie: kein Handy, kein Computer, kein Internet, kein Auto fahren, kein Strom, kein Alkohol und Kaffee sowie nur noch vegane Kost. Alles durchgehalten? Wie schwer war die erste Woche?

„Weil ich kein Licht habe, stehe ich mit den ersten Sonnenstrahlen auf, beginne den Tag mit Yoga.“ Statt Morgenkaffee gibt‘s Wasser mit einem Schuss Zitrone. Anders als früher bis zu viermal isst Barth jetzt nur noch zweimal am Tag - und zwar Rohkost. „Kochen geht ja nicht.“ Als Kühlschrank fungiert eine Kiste auf der Veranda, als Vorratskammer sein Erdkeller. Und statt wie so oft eine ganze Tafel Schokolade gönnt er sich nur noch zwei Stückchen am Tag.

Tagsüber geht er spazieren, hat seine kaum noch gehörte CD-Sammlung aussortiert, Sträucher angepflanzt, den Balkon gestrichen, ein Buch über die Spanische Grippe gelesen und schon 100 Seiten Tagebuch geschrieben: „Und das alles mit oft klammen und inzwischen rissigen Fingern, denn auch die Heizung läuft nicht.“ Kleidung und Bettwäsche werden täglich eine halbe Stunde lang gelüftet. Schließlich macht auch die Waschmaschine Zwangspause. Und ohne elektrischen Rasierer sprießt beim sonst glatt rasierten Barth jetzt ein Bart.

Dass er seine Mutter im Altenheim in Oschatz nicht mehr besuchen darf, erfuhr er erst von Dorfbewohnern auf der Straße, als er mit dem Rad längst auf dem Weg zu ihr war. Denn auch bei Radio- und Fernsehkonsum fastet er. Seiner Mutter schrieb er stattdessen einen Brief und erhält selbst viel Post im herkömmlichen Briefkasten.

Der 43-Jährige hat festgestellt: „Ich kann mich besser konzentrieren. Der Jieper auf Kaffee und Schokolade ist weg. Ich gärtnere mehr und wundere mich, dass in Läden nur noch Äpfel und Chicorée aus heimischer Produktion angeboten werden.“ Nur Salz vermisst er und seine ehrenamtlichen Verpflichtungen- die Chor-Kollegen und den Instrumentalkreis, wo er Flöte spielt.

Die selbst aufgebürdete Not machte erfinderisch. Bei Spaziergängen ersann Barth sogar neue Geschäftsmodelle für seine Fotos: „Man könnte die schönsten Motive als Ansichtskarten verkaufen. Ich habe mir zudem einen Blog über Menschenporträts ausgedacht. Und wer weiß, ob ich künftig noch als Fotograf arbeite oder vielleicht als Wanderführer durch die Heimat ziehen werde.“

Eigentlich sollte seine Vortragsreihe „Rund um den Globus“ gerade auf Hochtouren laufen. Doch die ist abgesagt (Verlust: 5 000 Euro), seine geführten Pilgertouren storniert. Auch alle Foto-Aufträge sind weggebrochen. „Finanziell komme ich nach drei Monaten in Schwierigkeiten“, sagt Barth. „So lange reicht auch noch mein Toilettenpapier.“ Trotz allen Entzugs: Dauere die Kontaktsperre weiter an, will Thomas Barth seine Einsiedler-Enthaltsamkeit noch einmal verschärfen. „Ich könnte auch noch Auto und Handy komplett abschaffen...“

Morgenpost am Sonntag vom 29.03.2020 als .jpg

Morgenpost am Sonntag vom 29.03.2020 als .pdf

Text: Uwe Blümel
Fotos/Montage: Eric Münch

BU-1: Hat in der Krise alle Stecker gezogen: Der selbstständige Fotograf verzichtet derzeit freiwillig auf alle Elektrogeräte im Haushalt.

BU-2: Kistenweise Vorräte für vegane Ernährung: „Ich wollte schon immer mal mein Essverhalten umstellen, jetzt ist der passende Zeitpunkt für vegane Ernährung.“

BU-3: Viel Zeit für kluge Gedanken und gute Bücher: „Ich habe noch über einen Regalmeter Bücher, die ich noch nicht gelesen habe.“

BU-4: Kiste als Kühlschrank-Ersatz: Allein zwei Gläser voller Walnüsse aus dem eigenen Garten stehen auf der Veranda in der Kühl-Kiste.

BU-5: „Der Verzicht ist einfacher als gedacht und tut gut“: Der 43-Jährige ist nicht zur Untätigkeit verurteilt, hat Beerensträucher gepflanzt.

BU-6: Per Hand geschrieben statt auf der Tastatur getippt: Barth schreibt jetzt Briefe statt E-Mails und SMS, erhält täglich viele Ansichtskarten und Briefe als Antwort.

BU-7: „Als Historiker weiß ich, wie Krisen enden können“: Thomas Barth (43) sitzt derzeit stundenlang auf seiner Veranda, nutzt das Tageslicht zum Lesen und Schreiben.

Seit zehn Jahren geht es in Oschatz „Rund um den Globus“. In der Veranstaltungsreihe nehmen Thomas Barth und Weltreisende aus ganz Deutschland die Besucher mit auf Abenteuer in anderen Ländern. Kristin Engel hat mit dem Initiator über die Geschichte der Vortragsreihe gesprochen.

Thomas Barth nahm sich eine Auszeit. Eine gute Entscheidung, findet er, in der aktuellen Zeit. Zehn Tage lang blendete er aktuelle Nachrichten aus und verzichtete auf Auto, Computer, Internet, Social Media und sogar auf das Benutzen von Elektrizität. Er konzentrierte sich auf sein Heim, seinen Garten und eine gesunde Ernährung. Ja, es ist ruhig bei dem Treptitzer. Das ist sonst anders. Denn er organisiert und plant die Veranstaltungsreihe „Rund um den Globus“. Und das bereits seit zehn Jahren in Oschatz. Die allererste Präsentation in Oschatz war eine Vorführung mit Bildern von Fotograf Sven Perski aus Riesa.

Schon 2007 organisierte Thomas Barth Veranstaltungen in Cavertitz, die zum Teil kostenfrei oder zu einem geringen Preis besucht werden konnten. Doch die Location wurde zu klein, weshalb er sich nach neuen Räumlichkeiten umsah und das O im Oschatz-Park für sich entdeckte. In der ersten Bilderschau berichtete Sven Perski über seine Tour durch den Himalaja. „Es waren sehr viele Besucher da, sodass wir gemerkt haben, dass der Bedarf und das Interesse in Oschatz auf jeden Fall gegeben waren“, erinnert sich der 43-Jährige. So wurde die Veranstaltungsreihe immer von Januar bis März geplant. „Mit dem Ziel, das erste Quartal zu füllen, eine sinnvolle Beschäftigung zu bieten und für einen guten Start in das neue Jahr zu sorgen. Ich freue mich jedes Mal darauf.“

Mit Oschatz und Riesa hat Thomas Barth so zwei Veranstaltungsstätten. Zeitweise kamen auch Dahlen, Belgern, Bad Liebenwerda und Meißen hinzu. Und die Gäste kommen nicht nur aus Oschatz und Umgebung, sondern beispielsweise auch aus Dresden und Leipzig. Die Referenten stammen aus ganz Deutschland und Österreich. Darunter waren schon sehr viele, die zu den Besten der Szene zählen und für ihre Vorträge zahlreiche Preise gewonnen haben. „Die Vortragsreihe war aber auch für mich selbst eine gute Bühne, auf der ich mich weiterentwickeln konnte, da alle meine Vorträge hier Premiere hatten.

“Vier Shows – vier Referenten. Jedes Jahr andere Leute. Meistens sind es Männer, die von ihren Abenteuern in fremden Ländern berichten können. Doch auch Frauen sollen immer mit dabei sein. Darauf legt der Treptitzer großen Wert. So sorgte in diesem Jahr die Ganzigerin Sophie Jähnigen für ein ausverkauftes Haus. Eine Weltreise, 15 Länder, vier Kontinente. „Bei Sophie waren um die 300 Besucher da. Die Plätze waren zum ersten Mal ausverkauft. Das ist für eine Stadt wie Oschatz sehr gut. Es war ein schönes Zusammenarbeiten mit Sophie. Ich hatte ihrem Privatvortrag in Ganzig gelauscht. Ich war inkognito dort, wurde aber erkannt. Sie hatte es frisch und fröhlich dargeboten. Wir haben zusammen an dem Vortrag für ,Rund um den Globus’ gearbeitet und ihn für die große Bühne angepasst. Das Ergebnis war beeindruckend. Ich fand es sehr couragiert von ihr, dass sie ihre Reise vor so vielen Menschen präsentiert hat. Es war eine sehr gute Zusammenarbeit“, schwärmt Thomas Barth.

Solche Menschen zu treffen, ist für ihn wichtig. Er bekommt regelmäßig viele Mails und Angebote, von Leuten, die gerne ihre Bilder und Erlebnisse zeigen möchten. Das Wichtigste ist dann das persönliche Gespräch. „Ich schaue mir den Vortrag vorher an. Mir liegt viel daran, dass der Referent eine authentische, berührende Geschichte zu erzählen hat. Selbstdarsteller und Rekordjäger schließe ich in meinem Auswahlverfahren von vornherein aus. Für mich stehen der persönliche Mut und die persönliche Weiterentwicklung im Vordergrund.“

Das Programm für 2021 steht bereits fest. 2022 ist in Arbeit. Thomas Barth plant immer zwei Jahre voraus. Die Referenten werden nach und nach gebucht. Kurzfristig etwas zu organisieren, liegt ihm eher nicht. Er möchte eine Auswahl von überzeugenden Leuten. Dass er eine Veranstaltung absagen musste, gab es in den vergangenen zehn Jahren nicht. In diesem Jahr musste er das aber aufgrund der Corona-Krise erstmals tun.

Doch mit seinem Selbstexperiment und den zehn Tagen ohne Telefon, Internet, Auto und Heizung will er für sich selbst etwas erreichen. Eine ganz neue Erfahrung, zu der er auf seiner eigenen Pilgerreise inspiriert wurde. Fünf Jahre lang – in den Jahren 2012 bis 2017 – ist er immer wieder auf dem Jakobsweg gewandert. So kam er von Görlitz bis nach Santiago de Compostela – in fünf Etappen. Dabei legte er jeweils 600 bis 800 Kilometer in fünf Wochen zurück. 2017 sogar 900 Kilometer in 30 Tagen. „Der Herbst ist für mich die beste Zeit zum Wandern. Dann ist es nicht mehr so heiß und ich kann mich auch mal von Nüssen und Beeren ernähren. Im Frühjahr habe ich einfach zu viel geschäftlich zu tun“, sagt der 43-Jährige.

Auch er möchte sich wieder einmal die Wanderschuhe anziehen. Wohin es gehen soll, steht noch nicht fest. Er könnte sich einen Weg über die Alpen oder in Richtung Osteuropa gut vorstellen. Er selbst lebte eine Zeit lang in Polen. Hierhin würde es ihn wieder ziehen. Und das mit einem nur geringen Tagesbudget. Wer weiß, vielleicht wird auch dieses Erlebnis eines Tages ein Teil der Veranstaltungsreihe „Rund um den Globus“. Doch für das kommende Jahr ist alles in Sack und Tüten und er freut sich, mit den Besuchern auf spannende Reisen gehen zu können.

Mir liegt viel daran, dass der Referent eine authentische, berührende Geschichte zu erzählen hat. Selbstdarsteller und Rekordjäger schließe ich in meinem Auswahlverfahren von vornherein aus. Thomas Barth

Oschatzer Allgemeine Zeitung vom 02.04.2020
Text: Kristin Engel

BU-Bild-01: Thomas Barth erfand die Vortragsreihe „Rund um den Globus“. Auch er selbst nutzt diese Bühne für Vorträge. So wanderte der Treptitzer gern auf dem Jakobsweg.
Foto: Privat/Thomas Barth

BU-Bild-02: Die Veranstaltungsreihe „Rund um den Globus“ ist beliebt. Besucher kommen beispielsweise auch aus Leipzig oder Dresden.
Foto: Privat/Thomas Barth

BU-Bild-03: Auch die Weltreisende Sophie Jähnigen – hier in Marokko – präsentierte bei „Rund um den Globus“ bereits ihre Bilder.
Foto: Privat/Sophie Jähnigen